Gebäude

Die Christuskirche und ihre Geschichte

Die Planungs- und Baugeschichte der Kirche


Im Jahre 1827 waren der Hafen und die Stadt Bremerhaven gegründet worden. Knapp zwei Jahrzehnte später ließen sich südlich der Geeste inmitten der kleinen Bauernsiedlung Geestendorf etwa 3000 Neuansiedler nieder und errichteten den Hafen Geestemünde. Der so entstandenen Doppelgemeinde Geestendorf-Geestemünde diente die im Mittelalter errichtete Marienkirche als Gotteshaus. Es erwies sich aber bald, dass dieses für die wachsende Zahl an Gemeindemitgliedern viel zu klein war, und so wurde im Jahre 1863 der Neubau einer Kirche beschlossen. Erst 1868 wurde Baurat Hase mit der Planung betraut; bis zur Grundsteinlegung zog es sich noch bis zum 19. Juli 1872 hin.
Auf dem Schmuckblatt zur Grundsteinlegung sehen wir zentral die zu errichtende Kirche mit einer Andeutung des Pfarrhauses und darüber den Grundriss und den Aufriss, dies alles liebevoll ornamental umrahmt und an den vier Ecken die den Evangelisten zugeordneten „geflügelten Wesen“ (Offenbarung des Johannes 4,6–8). Die Bauarbeiten nahmen reichlich drei Jahre in Anspruch, so dass am 14. November 1875 die Einweihung gefeiert werden konnte. Doch zwei Jahre später stellte es sich heraus, dass bei der Errichtung des Helmmauerwerkes des Turms minderwertiger Mörtel verwendet wurde und der Einsturz befürchtet werden musste. Nach Abriss und Wiederaufbau des Turmhelmes war der Bau im Jahre 1880 endgültig vollendet.



Der neugotische Baustil


Der Grundstein der Christuskirche in Geestemünde wurde im Jahre 1872 gelegt, zu einer Zeit also, da die Christenheit in Deutschland nicht mehr auf so festem Boden stand wie im Mittelalter. In der Epoche der Aufklärung hatte die einseitige Betonung der menschlichen Vernunft Triumphe gefeiert. Die französische Revolution und später die Befreiungskriege hatten Europa erschüttert. Nun blühte die Technik auf und der Glaube wuchs, das Glück auf Erden sei machbar. Dabei geriet die Religion mehr und mehr ins Abseits, bis schließlich eine tiefe Leere spürbar wurde und breite Kreise nach einer Neuorientierung suchten. Im Zuge dieser Entwicklung knüpfte die Architektur an Baustile vergangener Epochen an, nicht um diese oberflächlich zu imitieren, sondern um sich vom Geist früherer Jahrhunderte anwehen zu lassen. So ist die Besinnung auf die Gotik ein Hilfe suchender Rückgriff auf das Mittelalter, um sich an dessen Glaubensstärke aufzurichten. Dies drückte sich im Baustil der Neugotik aus. Der Kirchenvorstand der damaligen Gemeinde Geestendorf-Geestemünde entschloss sich, den Architekten und Königlichen Baurat Prof. Conrad Wilhelm Hase aus Hannover mit Planung und Bau der zu errichtenden Kirche zu beauftragen. Hase hatte bereits einen bedeutenden Namen als Baumeister neuer Gotteshäuser. Als Vorbild für die Neugotik in Norddeutschland galt die Elisabethkirche in Marburg.

Das Gebäude


Die Christuskirche besteht aus einem Langhaus mit eingezogenem Chor im Osten und Einturmfassade im Westen. Wir haben es mit einer dreischiffigen Hallenkirche zu tun, deren Seitenschiffe etwas niedriger sind als das mittlere, und von diesem durch mächtige Säulen mit Kleeblatt-Querschnitt getrennt wer-den, deren Basis etwa 1 m Höhe aufweist. Alle Raumteile liegen unter einfachen Kreuzgewölben.
Die Maße des Innenraumes betragen: Länge 29 m, Breite 18 m. Die Außenwände des Langhauses und des Chores sind durch starke, jeweils zweimal gestufte Strebepfeiler mit dazwischenliegenden, fast die ganzeHöhe einnehmenden gotischen Fenstern sehr klar und schlicht gegliedert. Jeder Strebepfeiler trägt als oberen Abschluss, also dort, wo er den Druck des Gewölbes auffangen muss, ein ins Mauerwerk versenktes Kreuz, Symbol dafür, dass das Kreuz die tragende Kraft ist. Als Abschluss unterhalb des hohen Satteldaches verläuft ein Ziergesimsband.
Der fünfgeschossige, quadratische Turm wird von einem achteckigen Helm gekrönt, den eine Kreuzblume abschließt. Die Streben des Turmes münden in Fialtürmchen. Diese sowie ScheingiebeI und Spitztürmchen am Fuße des Helmaufbaues und Gesimsbänder zwischen den Geschossen gliedern den Turm. Seine Höhe beträgt etwa 60 m. Das zweiteilige Portal wird von einem Giebel gekrönt, der eine mit den einfachen Mitteln der Backstein-Baukunst geformte Rose trägt. Die Mauerrose will nur ein Hinweis sein, ein schwacher Abglanz großartiger gotischer Radfenster, die ihrerseits als Abbild der Sonne, Symbol für Christus, aufgefasst wurden. Als belebendes Stilelement trägt die Fassade eine Abwechslung zwischen normal gebrannten und dunkel glasierten Ziegeln.


Die Ausstattung der Kirche


Die Orgel auf der Empore stammt nicht aus der Erbauungszeit der Kirche. Die von der Firma Peternell aus Seligenthal in Thürigen 1875 ursprünglich errichtete Orgel wurde 1966 abgerissen. Die Empore wurde dabei um einen Meter tiefer gesetzt, um die neue Orgel klanglich besser zur Geltung zu bringen. So hat das Innere der Kirche nach Westen seitdem ein neues Bild, geprägt durch die reichgegliederte Schauseite der Orgel mit den bis zu 5 m hohen Prospektpfeifen der Pedaltürme. Die 1967 eingeweihte Orgel hat drei Manuale (Tastenreihen) und ein Pedal mit 40 Registern (Pfeifenreihen). Sie wurde von der Firma Hillebrand in Altwarmbüchen bei Hannover gebaut und ist in ihrer Bauweise der norddeutschen Orgeltradition verpflichtet. Die Vielfältigkeit ihrer Klänge dient gleicherweise den gottesdienstlichen Aufgaben wie den mehrfach im Jahr durchgeführten Orgelkonzerten. Der Orgelprospekt (Gehäuse) mit seinen geschwungenen Formen gibt dem Inneren des Kirchenraumes einen freudigen Akzent. Im Jahre 1997 wurde die Orgel durch die Firma Alfred Führer, Wilhelmshaven, klanglich überarbeitet und mit einigen neuen Registern versehen.

Der Altar (siehe Titelbild ‚Anfangsseite‘) stammt aus der Zeit der Erbauung der Kirche. Hinter dem mit Holz vertäfelten Altartisch erhebt sich der holzgeschnitzte Aufsatz. In sechs Arkadennischen, getrennt durch je ein Säulenpaar, befinden sich Ölmalereien. Die beiden äußeren Bilder zeigen pflanzliche Ornamente. Die vier inneren stellen Gestalten aus dem Alten Testament dar: Aaron (2. Buch Mose 28, 2ff) und Melchisedek (1. Buch Mose 14,18), die Hohenpriester, als Vorboten Christi, rahmen lsaak (1. Buch Mose als 22,1–14) und Abel (1. Buch Mose 4,3–8) ein, welche als die bedingungslos Gehorsamen den Opfertod Christi vorausahnen lassen. Die Arkaden werden von krabbenbesetzten Giebeln überdacht und viele vergoldete Fialen zieren den Altar. Das Wesentliche aber ist das Kreuz. Es reicht fast bis an die Spitze des mittleren Chorfensters. Der Corpus Christi hängt zwischen den vier Leben verheißenden Blattformen. Diese tragen die geflügelten Symbolwesen der vier Evangelisten (Matthäus: Mensch, Markus: Löwe, Lukas: Stier, Johannes: Adler).



Die Kanzel wurde gleichzeitig mit dem Altar geschaffen. Die vier freien Felder der Brüstung sind ebenso wie die Arkaden des Altars mit Kleeblattbogen begrenzt und tragen Ölmalereien. Dargestellt sind die vier Evangelisten, jeweils mit den ihnen zugeordneten Symbolwesen.


Das schlichte, aus Sandstein gehauene Taufbecken ist achteckig, so wie schon seit dem 4. Jahrhundert die Baptisterien (Taufkapellen) achteckig waren. Man symbolisiert damit den „achten Schöpfungstag“, d.h. die mit der Auferstehung Christi beginnende neue Schöpfung, in die der Mensch durch den Taufakt hineingenommen wird.


Der schmiedeeiserne Osterleuchter wurde im Jahr 1999 durch den Kunstschmied Hermann Holsten aus Otterstedt geschaffen. Er ist zugleich Votivleuchter. Ein äußerer Ring von zwölf Kerzen symbolisiert nach alter Tradition die zwölf Tore des himmlischen Jerusalem. Die vier inneren Kerzen sollen das Licht der vier Evangelien zum Leuchten bringen, alle 16 Kerzen gipfeln in der Mitte aller Kreise, dem Osterlicht Jesu Christus.


Für kirchenmusikalische Aufführungen im Gottesdienst und Konzert steht eine Truhenorgel mit 5 Registern und Transponiervorrichtung, erbaut 1998 von der Firma Klop, Garderen/Holland, zur Verfügung.


Die Glocken der Christuskirche sind wesentlich jünger als die Kirche selbst, denn zweimal – in beiden Weltkriegen – hat die Gemeinde ihr Geläut hergeben müssen. Das Metall wurde zu Kriegsmaterial umgeschmolzen. Die heutigen Glocken wurden im Jahre 1955 von der Firma Rincker gegossen und auf die Töne fis - ais - cis gestimmt. Zusätzlich hat man eine vierte Glocke mit dem Zwischenton Gis eingefügt. Damit ist der in den alten Geläuten vertretene Gedanke der reinen Harmonie aufgegeben, vielleicht als Ausdruck dafür, wie man unsere Zeit empfindet. Die Inschriften der drei großen Glocken: „Ehre sei Gott in der Höhe – „Friede auf Erden“ – ,,Den Menschen ein Wohlgefallen" sagen aus, dass Voraussetzung und Grund des Friedens die Verehrung Gottes ist und seine Hinwendung zu uns. Die kleinste Glocke ruft mit ihrer Inschrift „Singet dem Herrn ein neues Lied“ zum Lobpreis Gottes auf.

Das ursprünglich eingebaute mechanische Uhrwerk, 1875 durch die Firma Weule/Bockenem hergestellt, wurde vom Küster bedient, der jede Woche mehrmals alle Gewichte hochkurbeln musste. Es war in den 50er Jahren so reparaturbedürftig, dass es durch eine elektro-mechanische Uhrenanlage ersetzt werden musste. Das alte Uhrwerk wurde in den Jahren 1979 bis 1984 von dem Kirchenvorsteher Jürgen Möller restauriert und ist im Eingangsbereich des Kirchenschiffes aufgestellt.

Die alten Fenster hatten durch den Zahn der Zeit so sehr gelitten, dass die Fenster des Schiffes in den 70er Jahren erneuert werden mussten. Durch eine Erbschaft war es der Gemeinde möglich, 1983 auch die Chorraumfenster zu erneuern, sie sind links auf der Leiste zu erkennen. Alle Fenster sind schwach getönt und tragen als einzigen Akzent eine ziegelrote Umrandung. Die Rundfenster im Maßwerk wurden von einem Gemeindemitglied, dem Kunstmaler Hans Müller-Hansen, mit christlicher Symbolik gestaltet. Das mittlere trägt die wesentliche Aussage: Die griechischen Buchstaben Alpha und Omega (der erste und der letzte des griechischen Alphabets) weisen darauf hin, dass Christus Anfang und Ende und damit auch Mitte ist (Offenbarung des Johannes 22,13). Dieses Christussymbol wird getragen vom Kreuznimbus: Das auf den Opfertod Christi deutende Kreuz geht über in den Kranz der österlichen Auferstehungssonne. Das linke Fenster zeigt die fünf Brote und zwei Fische aus der Geschichte von der Speisung der Fünftausend (Evangelium des Johannes 6, 1–13 und 26–27). Darin liegt die Aussage, dass Jesus sich selbst als Wort und sakramentale Speise austeilt, dass seine Gabe sich nicht erschöpft.
Im Rundfenster rechts vom mittleren sehen wir die Sakramente Taufe und AbendmahL durch die der Gläubige in das Heilsgeschehen einbezogen ist und am Geist Gottes (Taube, Evangelium des Matthäus 3,16) teilhat. Das südliche Chorraumfenster mahnt den Beschauer, im Glauben wachsam zu sein (Hahn, Evangelium des Matthäus 26,30ff, Evangelium des Markus 13,35), „sein Licht anzuzünden“ (Öllampe, Evangelium des Matthäus 25,1–13), das heißt, der Wiederkunft Christi gegenüber bereit zu sein. Der den Hahn und die Öllampe tragende Stern steht als Symbol dafür, dass Christus als „der helle Morgenstern“ (Offenbarung des Johannes 22,16) Voraussetzung für das menschliche Bemühen um den Glauben ist.


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